Vergessene Moderne — Ausstellung mit Fotografien von Felix Krebs
2019
Anlässlich der Pritzker-Preisverleihung an den indischen Architekten Balkrishna Doshi im Jahr 2018 und pünktlich zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses erinnert die Ausstellung Vergessene Moderne an die Moderne in Indien und präsentiert ihre Protagonisten und deren Bauwerke in einem architekturgeschichtlichen Kontext.
Angesichts des Bauhaus-Jubiläumsjahrs 2019, in dem das Erbe der Moderne weltweit gefeiert wurde, wirken Meldungen über den Abriss modernistischer Bauwerke in Indien, wie der Hall of Nations in Neu-Delhi, einem der technischen Meisterwerke der Moderne von Raj Rewal und Mahendra Raj, geradezu befremdlich. Co-Kuratorin der Ausstellung Anne-Katrin Fenk vom MOD Institut Berlin sieht darin einen “ausdrücklichen Angriff auf das Erbe der indischen Moderne” und führt diesen und weitere Abrisse auf eine hindu-nationalistische Regierungspolitik zurück.
Das MOD Institut Berlin und FMA reagieren mit der Ausstellung auf eine dem Ansinnen des Bewahrens der Moderne gegenläufige Entwicklung und laden dazu ein, die Akteure der indischen Moderne genauer zu erkunden. Gezeigt werden nicht nur die vordergründig mit der indischen Moderne in Verbindung gebrachten Bauwerke bekannter Architekten europäischer Herkunft, sondern insbesondere auch das Schaffen indischer Architekten wie Achyut Kandvinde, Pravina Mehta, Vina und Piloo Mody, Mahendra Raj, Hasmuk Patel, Shivnath Prasad, Gautam und Gira Sarabhai, Kuldeep Singh und Arvind Talatiund.
Die Ausstellung zeigt Arbeiten des Hamburger Fotografen Felix Krebs. In klar konzipierten, mit einer Großformatkamera aufgenommenen Einzelbildern inszeniert Krebs die Formen und Oberflächen ikonischer Bauten der indischen Moderne. Flechten und Pflanzenüberwuchs werden dabei Teil von Gebäudetopografien, behelfsmäßige Reparaturen zeugen von der Erosion des Materials, etwas erinnern die abgelichteten Gebäude an verlassene Filmsets. Krebs Bildserie wirkt wie das Ergebnis einer Spurensuche, er hat den Prozess des Verblassens festgehalten und den Geist einer dem physischen wie geistigem Verfall ausgesetzten Epoche eingefangen.
Auch das Portrait der Fassade des im Jahr 1954 fertiggestellten AITRA Gebäudes in Ahmedabad offenbart mit rostigen Fenstereinfassungen und trüben Glasscheiben deutliche Alterungsspuren. Längst sind die speziell für das AITRA entworfenen Sitzgruppenmöbel aus der Lobby verschwunden—für die Ausstellung wurden sie eigens nachkonstruiert und nachgebaut. Der von Achyut Kanvinde entworfe Bau kann als eine genuin indische Antwort eines indischen Architekten, der in den USA bei Walter Gropius studiert hatte, auf die europäische Moderne gelesen werden.
Ein Ausschnitt der Fassade des Golconde in Pondicherry wurde für die Ausstellung als raumtrennende Holzlamellenwand nachgebaut und ermöglicht ein räumliches Erfahren der Architektur des Gebäudes. Im Original lassen sich die Lamellen, die als „Sunbreaker“ dienen, je nach Sonnenstand manuell schließen und wieder öffnen. Das von Antonin Raymond im International Stile als Schlaafsaal eines Ashrams, entworfene Golconde, wurde im Jahr 1945 unter der Leitung von George Nakashima fertiggestellt und gilt als erstes Bauwerk der indischen Moderne. Es verkörpert das Credo modernistischer Architektur, an das die Ausstellung erinnern möchte: die Einheit von Ästhetik, Technologie und sozialer Reform.
Vergessene Moderne wurde begleitet von einem Rahmenprogramm aus Film- und Vortragsabenden mit internationalen Gastrednern. Die Ausstellung wurde im Rahmen des Hamburger Architektursommers 2019 im AIT-ArchitekturSalon Hamburg und im AIT-ArchitekturSalon München gezeigt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit zwischen FMA, dem MOD Institute und dem Künstler.
Ausstellung mit Fotografien von Felix Krebs
23.5.—27.6.2019 AIT-ArchitekturSalon Hamburg
25.7.—19.9.2019 AIT-ArchitekturSalon München
Kuratoren: Anne-Katrin Fenk, Christoph Fischer
Ausstellungsdesign und -bau: FMA
Koordination: FMA
Rahmenprogramm: MOD Institute
Veranstalter: AIT-AchitekturSalon Hamburg/München, FMA, MOD Institute
Fotos Ausstellungsansichten: Felix Krebs